Geschichte

Der Turm

Der Turm („Dome“)

Erst 80 Jahre nach Errichtung der Französischen und der Deutschen Kirche auf dem Friedrichstädtischen Markt, dem heutigen Gendarmenmarkt, entstanden die beiden Turmbauten, die das Erscheinungsbild des Platzes neben dem Konzerthaus wesentlich prägen. Zwischen 1780 und 1785 ließ König Friedrich II. an die Deutsche und die Französische Kirche zwei gleich gestaltete Turmbauten anfügen. Vorbild für die Umgestaltung des Gendarmenmarktes war die Piazza del Popolo in Rom mit den Zwillingskirchen Santa Maria dei Miracoli und Santa Maria in Monte Santo. Allerdings waren die Zwillingstürme auf dem Berliner Gendarmenmarkt von Beginn an rein weltliche Prunk- und Repräsentationsbauten ohne jede kirchliche oder gottesdienstliche Funktion. Der Bau der beiden Türme führte dazu, dass die beiden Kirchen gleichermaßen in deren Schatten und damit auch optisch an den Rand des Platzes gestellt wurden. Baumeister der Türme war zunächst Karl von Gontard, später Christian Ungers.

Französischer Dom

Für den Bau des Französischen Doms musste die Französische Gemeinde ihr Friedhofsgelände aufgeben und bekam dafür Ersatz in der Chausseestraße, nördlich der Friedrichstraße, wo sich der alte Hugenottenfriedhof noch heute befindet. Als Entschädigung für den Verlust des Friedhofs erhielt die Gemeinde außerdem von Friedrich II. für alle Zeiten ein unentgeltliches Nutzungsrecht an den Räumen des Turms. Die französisch-reformierte Gemeinde unterhält dort seit 1935 das Hugenottenmuseum, eine Bibliothek, das Gemeindearchiv und ihre Büros. Ins Hugenottenmuseum führt z. Zt. eine Treppe von der Ostseite bzw. der Markgrafenstraße her.

Über den Zugang von der Südseite, die sich zum Platz hin öffnet, finden die Besucher einen Treppenaufgang zur Aussichtsbalustrade in 40 m Höhe und ebenso ein Glockenspiel mit 60 Glocken.

Von 1944 bis 1983, als die Kirche zerstört bzw. im Wiederaufbau war, feierte die Hugenottengemeinde ihre Gottesdienste im Sitzungszimmer des Consistoriums, das sich im Turm befand. Nach der Wiederherstellung der Kirche konnte in den Jahren 1983-1987 auch der Turm wieder aufgebaut werden. Die Außenhülle wurde 2004-2006 mit Mitteln der EU saniert.

Turmfiguren und Turmreliefs

Was man in der Kirche selbst an biblischen Bildern, Szenen und Schmuck vermissen mag, ist bei den beiden Türmen vorhanden.

Die großen Reliefs in den drei Giebelfeldern des Turms illustrieren neutestamentliche Szenen.
Die großen Reliefs in den drei Giebelfeldern des Turms illustrieren neutestamentliche Szenen.

Die reformierte, nach ihrem religiösen Verständnis Bilder ablehnende Hugenottengemeinde wurde um den Entwurf der biblischen Szenen gebeten. Das Konsistorium setzte dafür eine Kommission ein, die unter der Leitung des Predigers Jean Pierre Erman (*1735, †1814) stand. Der Künstler Daniel Chodowiecki (*1726, †1801), ein Mitglied der Gemeinde, war schließlich für die Ausführung der Turmreliefs und der meisten Figuren bzw. Standbilder verantwortlich.

Die neun Figuren auf den Giebelspitzen und Attiken des Turmunterbaus symbolisieren jene Tugenden, die den Hugenotten besonders erstrebenswert schienen: an der Nordseite sind es Geduld (mit einem Joch auf der Schulter), Mitleid (Geld aus einem Beutel und Brot aus einem Topf verteilend), Güte (mit einem Pelikan, der seine Jungen mit seinem Blute nährt); an der Ostseite die drei christlichen Tugenden Glaube (mit dem Kelch des Abendmahls), Hoffnung (auf einen Anker gestützt) und Liebe (zwei Kinder liebkosend); an der Südseite Dankbarkeit (mit ruhenden Händen), Wohltätigkeit (mit gebenden Händen) und Mäßigung (mit einer Geißel in den Händen).

Die großen Reliefs in den drei Giebelfeldern des Turms illustrieren neutestamentliche Szenen, die Jesus als Lehrenden zeigen: die Bergpredigt (Matth 5-7), Jesus und die Samaritanerin (Joh 4) und den Gang nach Emmaus (Luk 24).

Deutscher Dom

Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde die Deutsche Kirche auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes von der dort ansässigen Gemeinde aufgegeben. Gebaut worden war die Deutsche Kirche von 1701 bis 1708 als Tochterkirche der Jerusalemskirche (in der heutigen Lindenstraße in Kreuzberg). 1880 hat die Kirche statt des ehemaligen Spitzdachs eine Kuppel erhalten. Ihre Fassade wurde dem Turm angeglichen. Noch zu Zeiten der DDR begann der Umbau zu einem Museum. Dabei wurden Turm und ehemalige Kirche innen zu einer baulichen Einheit verschmolzen.

Der Eingang zum Deutschen Dom befindet sich auf der Ostseite. Dem Gebäudeteil, der früher die Kirche beherbergte, ist der Kirchencharakter nicht mehr anzusehen. Auch der Name „Deutsche Kirche“ hat sich nicht erhalten. Man spricht heute nur noch vom „Deutschen Dom“.

Seit seiner Wiedereröffnung 1996 wird der gesamte Deutsche Dom für eine Ausstellung über die deutsche Geschichte seit den Befreiungskriegen mit dem Titel „Wege – Irrwege – Umwege“ genutzt. Das Gebäude gehört dem Bund.

Im Laufe der Jahre wurde der Gendarmenmarkt im Gegensatz zum königlichen Berlin entlang der „Linden“ mehr und mehr zum Zentrum des Berliner Bürgertums. Dies zeigte sich erstmals 1848. Auf den Stufen des Deutschen Domes wurden die Toten, die nach den Tagen der Märzrevolution in Berlin zu beklagen waren, aufgebahrt. Im Schauspielhaus kamen die Bürgerdramen Friedrich Schillers zur Aufführung. Sein von Reinhold Begas geschaffenes Standbild steht vor dem Gebäude. Ursprünglich von Grünanlagen eingesäumt, wurde der Platz zu den Olympischen Spielen 1936 gepflastert und harrt seitdem seiner Entsiegelung und Wiederbegrünung.