Geschichte

Die Hugenotten

Der Begriff „Hugenotte“

Die Herkunft des Begriffs „Hugenotte“ ist nicht ganz eindeutig. Er war zunächst wohl ein Schimpf- und Spottname der katholischen Mehrheit Frankreichs für die französischen Protestanten und bezeichnet ursprünglich die schweizerischen „Eidgenossen“ („Eidgenosse“: alemannisch „ydtgenos“, wurde in der französischen Aussprache zu „hugenot“). Berner Truppen, die sich als „ydtgenos“ bezeichneten, kämpften in den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts auf reformierter Seite; daher wohl der Name „hugenots“ (= Hugenotten) für die Reformierten. Die ausgewanderten französischen Protestanten nannten sich selbst „Réfugiés“ (= Flüchtlinge). Heute ist die Bezeichnung „Hugenotte“ kein Schimpfwort mehr, sondern ruft Interesse und Respekt hervor.

Hugenottenkriege und Bartholomäusnacht

Seit der Reformation im 16. Jahrhundert gab es in Frankreich zwar nur wenige, darunter aber auch adlige Franzosen, die sich dem Protestantismus in der schweizerischen, von Johannes Calvin geprägten reformierten Form angeschlossen hatten. Der Anteil der Protestanten an der französischen Bevölkerung lag bei etwa fünf bis sieben Prozent.

Von Beginn an gab es ein Auf und Ab im Umgang der französischen Obrigkeit mit ihren evangelischen Untertanen. Nach dem Scheitern der Konsultation von Poissy bei Paris, im Jahre 1561, bei der sich die katholischen und protestantischen Theologen nicht einigen konnten, kam es zu insgesamt sieben Hugenottenkriegen in Frankreich. Seit jener Konsultation wurde der Protestantismus in Frankreich nicht mehr nur als Glaubensbewegung angesehen, sondern auch als Herausforderung der königlichen Autorität. Die planmäßige Verfolgung und vielerorts Ermordung der Hugenotten begann.

Einen fanatischen Höhepunkt im Versuch der brutalen Ausrottung des Protestantismus in Frankreich stellte die Ermordung tausender Hugenotten in der Bartholomäusnacht 1572 dar („Pariser Bluthochzeit“). Damals waren die Anführer des hugenottischen Adels auf Befehl von Königinmutter Katharina von Medici mit Tausenden von Glaubensgenossen in der Nacht zum 24. August (Bartholomäustag) ermordert worden. Die Hugenotten befanden sich auf Einladung des Königshauses anlässlich der Hochzeit Heinrichs von Navarra, der selber Hugenotte war, mit der katholischen Prinzessin Margarete von Valois in der französischen Hauptstadt. Heinrich von Navarra konnte sich nur dadurch retten, dass er seinem Glauben abschwor. (Später, nach mehrmaligem erneutem Konfessionswechsel, wurde er als Heinrich IV. König von Frankreich).

Das Edikt von Nantes

Das vorerst glückliche Ende dieser bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen stellte 1598 das Edikt von Nantes dar. In diesem Toleranzedikt hatte der eine Zeit lang als Führer der Hugenotten wirkende König Heinrich IV. der reformierten Konfession zum ersten Mal eine rechtlich verbindliche Grundlage und Sicherheit gegeben (Heinrich IV., *1553, †1610; König seit 1589, Krönung 1593 nach seinem Übertritt zum Katholizismus: „Paris ist eine Messe wert“ – „Paris vaut une messe“). Das Edikt von Nantes gewährte den Hugenotten noch keine allgemeine Glaubens- und Gewissensfreiheit. Immerhin schützte es die Anhänger der „reformierten Religion“ vor beruflicher Benachteiligung und erlaubte ihnen die öffentliche Praxis ihres Kultes mit Gottesdiensten, Taufen, Trauungen und Beerdigungen.

Unter den Nachfolgern Heinrichs IV. wurden diese Freiheiten wieder eingeschränkt und die Hugenotten zum Teil gewaltsam gedrängt, katholisch zu werden. Diese Entwicklung ging einher mit der Herausbildung des Absolutismus in Frankreich.

Das Edikt von Fontainebleau

Endgültig verboten wurde den Hugenotten die Ausübung ihrer in den Augen des Königs bloß „angeblich reformierten Religion“ im Jahre 1685 durch König Ludwig XIV. (*1638, †1715; König seit 1643) mit dem Edikt von Fontainebleau. [mehr] Auch die Kirchen der Hugenotten wurden auf Veranlassung des „Sonnenkönigs“ systematisch zerstört. Ihre Gemeinden in Frankreich wurden zu einer „Kirche in der Wüste“. Wollten sie dem königlichen Edikt nicht Folge leisten, sahen sie sich gezwungen, ihre Gottesdienste und Versammlungen außerhalb der Städte, an geheimen, unzugänglichen Orten, unter großen Gefahren abzuhalten.

Der „Sonnenkönig“ zwang die reformierten Christen seines Landes, in den Schoß der katholischen Kirche zurückzukehren. Zur Umerziehung, Bekehrung und gewaltsamen Rekatholisierung befahl der König die verstärkte Einquartierung seiner (katholischen) Soldaten bei evangelischen Familien (die so genannten „Dragonaden“: von der Reitertruppe der „Dragoner“, die bei den Protestanten in doppelter Anzahl einquartiert wurden). Die Soldaten wurden vom König zu Misshandlungen der Hugenotten ermuntert. Die Auswanderung in andere, protestantische Länder Europas hatte Ludwig XIV. den Hugenotten ausdrücklich verboten. (Einzige Ausnahme bildeten die hugenottischen Pfarrer, die man für bekehrungsresistent hielt und die außerdem für die wirtschaftlichen Zwecke des „Sonnenkönigs“ unerheblich waren).

Ludwig XIV. sah in den Reformierten die Gefahr, dass sie eine Art „Staat im Staate“ und mithin einen Gegenpol zur absolutistischen Monarchie bilden könnten. Damit war sowohl die politische Loyalität als auch das religiöse Bekenntnis der Hugenotten diskreditiert. Tatsächlich gab es schon seit 1572 so etwas wie eine protestantische Republik in Frankreich. Sie besaß eigene Truppen, eine eigene Gesetzgebung und Regierungsgewalt und befand sich in ständiger Auseinandersetzung mit der Zentralmacht. Nach dem Tod Heinrichs IV. wurde die Militärmacht der Protestanten zunehmend ausgeschaltet. 1627/28 kam es zur Belagerung und zum Fall der Hugenottenfestung La Rochelle an der französischen Atlantikküste. Die religiösen Rechte der Hugenotten wurden mehr und mehr beschränkt. Das Edikt von Nantes verlor an Durchsetzungskraft. Die Hugenotten wurden wieder Ziel staatlicher Drangsalierung und Verfolgung bis zu ihrem endgültigen Verbot 1685.

Die Flucht der Hugenotten
Trotz der Aufhebung ihrer Religion, trotz des Verbots der Ausreise und bei gleichzeitiger Androhung von hohen Strafen wie zum Beispiel dem Galeerendienst für gefasste Flüchtlinge und der Inhaftierung von Frauen in Festungstürmen flohen von den ca. 800.000 Hugenotten, die es damals in Frankreich gab, etwa 300.000 in andere europäische Länder, in denen sie Schutz und religiöse Freiheit fanden. Sie gingen in die Schweiz, nach Holland, England, Bulgarien, Böhmen und Mähren, aber auch in die Mark Brandenburg.

Der Große Kurfürst und das Potsdamer Edikt

Der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm (*1620, †1688; Kurfürst seit 1640; auch „der Große Kurfürst“ genannt) reagierte rasch auf die Unterdrückung seiner evangelischen Glaubensbrüder in Frankreich. Nur kurze Zeit nach dem Verbot des Protestantismus durch Ludwig XIV. erließ Friedrich Wilhelm am 8. November 1685 im Stadtschloss zu Potsdam das Edikt von Potsdam. Darin bot er den Hugenotten „eine sichere und freye retraite“, also eine Rückzugsmöglichkeit in seine brandenburgischen Lande an. Außerdem umwarb und lockte er sie mit allerlei Vergünstigungen, wie zum Beispiel der Befreiung von Steuern und Zöllen sowie der Bereitstellung von verlassenen Häusern und Baumaterialien.
Eine erste reformierte Gemeinde gab es in Berlin schon seit 1672 (Gemeindegründung: 10. Juni 1672), bereits vor dem offiziellen Verbot des Protestantismus durch Ludwig XIV. Diese Gemeinde setzte sich aus evangelischen Franzosen, die am Hofe des Großen Kurfürsten lebten und arbeiteten, zusammen. Einige französische Familien, die sich in Alt-Landsberg östlich von Berlin niedergelassen hatten, zogen sich angesichts der Feindseligkeit der Landbevölkerung resigniert in die Residenzstadt Berlin, unter den Schutz der Hohenzollern, zurück. Als Gottesdienstort diente die Wohnung des Barons von Pöllnitz im Marstallgebäude auf der Südseite des Schlosses. Diese kleine hugenottische Hofgemeinde in Berlin wurde durch den Zuzug Tausender ihrer Glaubens- und Landesgeschwister ab 1685 um ein Vielfaches erweitert. Das Edikt von Potsdam zeigte Wirkung. Zur Erinnerung an das Edikt und als Dank für die göttliche und kurfürstliche Gnade feiert die Hugenottengemeinde auch heute noch alljährlich am 29. Oktober ihr „Refuge-Fest“.

Auf der Gedenktafel an der Außenfassade der Kirche wird der entscheidende Passus aus dem Potsdamer Edikt ausführlich zitiert: „Wir, Friedrich Wilhelm, thun kund, nachdem die harten Verfolgungen, womit man eine zeithero in dem Königreich Frankreich wider unsere der evangelisch reformierten Religion zugethane Glaubensgenossen verfahren, viel Familien veranlasset, aus selbigem Königreiche hinweg in andere Lande sich zu begeben, dass wir dannenher aus gerechtem Mitleiden bewogen werden, denselben eine sichere und freye Retraite in alle unsere Lande und Provincien in Gnaden zu offeriren.“
Bemerkenswert in diesem Abschnitt des Potsdamer Edikts ist, dass Friedrich Wilhelm von den Hugenotten als von seinen „französischen Glaubensgenossen“ spricht. Damit ist nicht so sehr eine Anspielung auf den Begriff „Eidgenossen“ gemeint. Vielmehr geht es um die enge konfessionelle Verbundenheit und religiöse „Genossenschaft“ des kurfürstlichen Hauses mit den Hugenotten aus Frankreich. Denn religiös standen die reformierten französischen Zuwanderer dem seinerseits ebenfalls reformierten Herrscherhaus der Hohenzollern wesentlich näher als die alteingesessenen lutherischen Untertanen Berlins und Brandenburgs.

Märkische Religionspolitik

Seit dem 1. November 1539 war die Mark Brandenburg ein lutherisches Land, wenn auch mehr auf Druck des Landadels und der Bevölkerung als aus eigener Überzeugung. Im Jahre 1613 trat der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund mit einem großen Teil des Hofes – allerdings ohne seine Gattin – zum reformierten Glauben über. In einer gleichsam zweiten Reformation der Mark Brandenburg wollte der Kurfürst auch seine Untertanen dem reformierten Glauben zuführen. Dieses Vorhaben scheiterte, da es die brandenburgischen Stände und die Bevölkerung trotz allen Drucks vorzogen, der lutherischen Lehre treu zu bleiben. (Reichsrechtlich jedoch galt noch immer das Prinzip „cuius regio, eius religio“ aus dem Augsburger Religionsfrieden von 1555. Danach bestimmte der Landesfürst die Konfession der Untertanen: „wessen das Land, dessen (ist) die Religion“; bzw. „in wes´ Region du weilst, des´ Religion du teilst“). 1614 kam es, bei Abwesenheit des Kurfürsten, zum so genannten „Berliner Tumult“. Darin versuchten die lutherischen Berliner, das Schloss mit seiner inzwischen reformiert gewordenen und von allen Bildern bereinigten Schlosskapelle zu stürmen.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm an den Hugenotten ein zweifaches Interesse hatte. Sie waren ihm nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch in religiöser bzw. religionspolitischer Hinsicht willkommen. So erhoffte man sich am Hofe von der Ansiedlung der Hugenotten auch Vorteile im Bereich der Religion. Die Einwanderung der Hugenotten führte zur Stärkung des reformierten Elements in der Mark Brandenburg, verschärfte aber zugleich die konfessionellen Spannungen im Land.

Kurfürstliche Wirtschaftspolitik

Seit dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) lag die Mark Brandenburg darnieder. Das Land war entvölkert und wirtschaftlich geschwächt. Nach mehreren Pestepidemien stand in Berlin mehr als ein Drittel der Wohnhäuser leer, und im Kurfürstentum Brandenburg waren 140.000 Einwohner gestorben. Für den Wiederaufbau waren neue Ideen, wirtschaftliche Impulse, aber auch Menschen gefragt.

Schon in den Jahren zuvor hatte der Große Kurfürst die Niederländer angesprochen und schließlich 1671 die (seit 100 Jahren) ersten jüdischen Familien wieder in Berlin angesiedelt (ihr Siedlungsgebiet war die so genannte Spandauer Vorstadt, das heutige Gebiet um die Oranienburger Straße und den Hackeschen Markt). Mit diesen ersten 50 jüdischen Familien, die damals aus Wien, wo sie ebenfalls vor Verfolgung flohen, nach Berlin gekommen waren, beginnt – abgesehen von der Zeit des Mittelalters bis zu ihrer brutalen Vertreibung 1571 – die Geschichte des Berliner Judentums. Die in Berlin angesiedelten Juden aber kamen, im Gegensatz zu den Hugenotten, nicht in den Genuss kurfürstlicher Privilegien. Sie mussten für ihre Aufnahme bezahlen und sich später auch das Recht auf den Bau ihrer ersten Synagoge – bei ihrer Ansiedlung 1671 ist ihnen der Bau eines Gotteshauses ausdrücklich untersagt worden – von König Friedrich I. erkaufen.

Die Ansiedlung der Hugenotten

Infolge des Potsdamer Edikts, das für die Hugenotten einer Green-Card nach Brandenburg gleichkam, wanderten ca. 20.000 französische Glaubensflüchtlinge in die Mark Brandenburg ein. Das entspricht der Hälfte aller Hugenotten, die sich in den deutschen Territorien niedergelassen haben. Berlin wird als Siedlungsort im Potsdamer Edikt nicht erwähnt. Dennoch ließen sich allein hier, in der nördlich der Straße Unter den Linden gelegenen Dorotheenstadt wie auch in der südlich davon gelegenen Friedrichstadt, im Laufe der Jahre und nach mehreren „Einwanderungswellen“ ca. 5.000 Hugenotten nieder. Im Nord-Osten Berlins zum Beispiel, in Französisch-Buchholz, besiedeln die Hugenotten ab 1688 das im 30-jährigen Krieg verwüstete Dorf. In manchen Gegenden, so auch in Berlin, bildeten die Réfugiés knapp ein Viertel der Bevölkerung. Die Einwohnerzahl Berlins war infolge des 30-jährigen Krieges auf ca. 15.000 zurückgegangen. Im Vergleich dazu: London war 1685 Millionenstadt, Paris hatte 750.000 Einwohner.

Durch den Zuzug der Hugenotten entstanden in Brandenburg-Preußen etwa 50 französische Siedlungen („Colonien“) mit kirchlicher Selbstverwaltung, eigenen Pfarrern, eigenen Bürgermeistern und eigener Gerichtsbarkeit. Die Hugenotten besaßen den Status einer privilegierten Minderheit. Die Berliner Kolonie gründete eigene Institutionen und Einrichtungen, so zum Beispiel ein Consistorium, ein Gericht, ein Predigerseminar, einen Friedhof, ein Gymnasium, ein Krankenhaus, Hospize und eine Pfandleihe.

Diesen Sonderstatus hatten die französischen Kolonien bis 1809 inne. Ebenfalls erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die französische Sprache mehr und mehr abgelegt. Die Kirchenbücher wurden erst seit 1896 in Deutsch geführt. Und schließlich wurden auch die französischen Namen deutsch ausgesprochen.

Die Hugenotten hatten nach Berlin nicht nur ihre religiöse Überzeugung, ihre Frömmigkeit und ihren Arbeitseifer, sondern auch ihr französisches Lebensgefühl und ihre Kultur mitgebracht. Das französische „savoir vivre“ hielt Einzug in Berlin und schlug sich in vielerlei Bereichen der Gesellschaft nieder.

Theodor Fontane und andere bedeutende Hugenotten

Im Jahre 1774 entstand auf dem Gendarmenmarkt neben der Französischen Kirche das Französische Komödientheater. Dessen Ursprung hatte mit den eher sittenstrengen und öffentlichen Verlustierungen abgeneigten Hugenotten nichts zu tun, vielmehr geht der Bau auf Friedrich II. zurück. Dieses französische Theater für den frankophilen König wurde nach einem verheerenden Brand zwischen 1817 und 1821 durch das Schauspielhaus von Karl Friedrich Schinkel ersetzt. Theodor Fontane (*1819, †1898), der aus einer Berliner Hugenottenfamilie stammende Dichter, war im Schauspielhaus häufig als Theaterkritiker auf dem berühmten Platz 23 zu Gast.

Zum 200. Jubiläum des Potsdamer Edikts 1885 hatte Fontane ein Gedicht verfasst, das vom Vorsitzenden des Festkomitees anlässlich der Edikt-Feierlichkeiten vorgetragen wurde. Darin heißt es, in leicht schmeichlerischem Ton:

„Zweihundert Jahre, dass wir hier zu Land
Ein Obdach fanden, Freistatt für den Glauben
Und Zuflucht vor Bedrängnis des Gewissens.
Ein hochgemuter Fürst, so frei wie fromm,
Empfing uns hier, und wie der Fürst des Landes
Empfing uns auch sein Volk. Kein Neid ward wach,
Nicht Eifersucht, man öffnete das Tor uns
Und hieß als Glaubensbrüder uns willkommen.“

Bedeutende Nachkommen der Hugenotten waren außerdem der Maler Daniel Chodowiecki (*1726, †1801) sowie der Bildhauer Emmanuel Bardou (*1744, †1818), der Gelehrte Franz Carl Achard (*1754, †1821), der die industrielle Herstellung von Raffinade aus Zuckerrüben entwickelte, der Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt (*1767, †1835) und sein Bruder Alexander (*1769, †1859), der romantische Dichter Friedrich de La Motte Fouqué (*1777, †1843) sowie der Jurist Karl von Savigny (*1779, †1861), der als Minister das preußische Recht reformierte und die Deutsche Historische Schule begründete.

Französisches Berlin – Wirtschaft und Wissenschaft

Sowohl der wirtschaftliche als auch der kulturelle Beitrag, den die Hugenotten für die Mark Brandenburg leisteten, brachte ihnen außer Anerkennung oft auch Argwohn und Neid der alteingesessenen Bevölkerung ein. Mit dem kurfürstlichen Hof teilten sie nicht nur die französische Sprache, sondern auch die Konfession. Während nahezu zweier Jahrhunderte wirkten sie als fest angestellte Erzieher der königlichen Familie bzw. der Prinzen und des preußischen Adels. Auch die königliche Finanzverwaltung wurde von Hugenotten organisiert. Bei der Gründung der Akademie zählte man unter ihren Mitgliedern ein Drittel Franzosen.

Nicht zuletzt verdankt die Mark Brandenburg den Hugenotten neben der Einführung der Polizei und der ersten Berliner Ausbildungsstätte für Lehrer auch viele kulinarische Genüsse wie zum Beispiel die Berliner Weiße, den Spargel, den Kopfsalat, den Blumenkohl, grüne Erbsen und Bohnen und den Broccoli.

Die Eröffnung des ersten Kaffeehauses in Berlin 1721 geht auf einen Hugenotten zurück. Französische Tuchmacher versuchten, Seidenraupen zu züchten, scheiterten aber an den allzu rauen brandenburgischen Sommern. Auch das Pflanzen von Maulbeerbäumen war vergeblich. Schließlich aber gelang die Zucht von Gemüse und Früchten. Insgesamt 46 neue Berufe etablierten die Hugenotten in Berlin. Die Textilindustrie bildete den größten Zweig. Vor allem in der Mode haben sich viele französische Namen erhalten, die von der Jacke, Bluse, Pelerine, dem Kostüm und Negligé, der Manschette und Perücke über die Boutique bis hin zum Trikot und zur Taille reichen, alles totschick („tout chic“) versteht sich. Und so geht noch heute nicht nur in Berlin das Mamsellchen mit Monsieur ganz kommod auf dem Trottoir zum Rendezvous auf der Chaussee.

Die Berliner Hotels trugen französische Namen, das Krankenhaus der Stadt war (und ist) die Charité, die Cafés (sic!) der Stadt nannten sich Royal, Impérial, National, Schlösser am Ufer der Spree hießen Bellevue, Monbijou, neu angelegte Plätze nannte man Quarrée (Pariser Platz), Octogon (Leipziger Platz) und Rondell (Mehringplatz).

Noch 100 Jahre nach ihrer Ansiedlung schwärmte Friedrich II. von den Hugenotten: „20.000 der ärmeren, aber betriebsamsten Hugenotten flüchteten sich ins Brandenburgische und verschafften uns die Manufakturen, die uns mangelten … In Berlin siedelten sich Goldschmiede, Juweliere, Uhrmacher und Bildhauer an. Die Franzosen, welche sich auf dem flachen Lande niederließen, bauten Tabak an und zogen treffliche Früchte und Gemüse auf dem Sandboden, den sie durch ihren Fleiß in treffliches Fruchtland umwandelten.“

Dieser Lobspruch Friedrichs II. findet sich ebenfalls auf der Gedenktafel an der Außenwand der Kirche.

Erziehung und Soziales

Die sozialen und diakonischen Aktivitäten der Hugenotten waren vor allem auf die Armenfürsorge gerichtet. Neben den Wohlfahrts- waren es die Erziehungseinrichtungen, durch die sich die preußischen Hugenotten allmählich Respekt und Anerkennung in ihrer neuen Heimat erwarben. In einem kleinen Nebenraum der Kirche gab es eine Suppenküche zur Speisung der Berliner Waisen. Das Französische Gymnasium gehört auch heute noch zu den besten Schulen Berlins.

Sinnbildlicher Ausdruck dieses karitativen und pädagogischen Engagements sind die drei Figurengruppen am Giebeldreieck über dem Außenportal der Kirche: links die „Armenspeisung“, rechts die „Erziehung“ und in der Mitte die bildhafte Umsetzung der gnadenvollen „Aufnahme“ der Hugenotten im Kurfürstentum Brandenburg.

Johannes Calvin

Wenn auch nicht der alleinige Begründer, so doch der eigentliche „Kirchenvater“ der reformierten Kirche ist Johannes Calvin. Johannes (Jean) Calvin (*1509, †1564), ein Zeitgenosse Martin Luthers (*1483, †1546), stammte aus Frankreich (geboren in Noyon, in der Nähe von Paris) und lehrte Jurisprudenz an der Pariser Sorbonne. Calvin war verwandt mit Pierre Robert Olivetan, dem späteren Bibelübersetzer, der sich früh zur Reformation bekannte. In seinen Studienjahren stand Calvin den biblisch geprägten französischen Humanisten nach Lefèvre d’Etaples nahe, unter denen auch Schriften der schweizerischen und deutschen Reformatoren kursierten.

Gilt als der eigentliche „Kirchenvater“ der reformierten Kirche: Johannes Calvin.
Gilt als der eigentliche „Kirchenvater“ der reformierten Kirche: Johannes Calvin.

1533 musste Calvin vor der Inquisition aus Paris fliehen und ging im folgenden Jahr in das reformierte Basel. Dort verfasste er die erste Version seiner „Institutio chistianae religionis“. 1536 wurde er auf der Durchreise durch Genf vom dortigen Reformator Guillaume Farel zum Bleiben aufgefordert. Mit ihm entwickelte Calvin die erste Genfer Kirchenordnung (die sogenannten „ordonnances ecclesiastiques“) mit strenger Lehr- und Kirchenzucht, die zum Teil auf heftigen Widerstand in der Genfer Bevölkerung stieß. Außerdem führte Calvin den Psalmengesang in den Gottesdienst ein.

Wegen politischer und kirchlicher Unruhen musste er 1538 Genf für drei Jahre verlassen und ging nach Straßburg, wo er ein enger Mitarbeiter Martin Bucers wurde und Kontakte zur lutherischen Reformation aufnahm. 1541 von den Genfer Bürgern zurückgeholt, war er bis zu seinem Lebensende als unermüdlicher Prediger, theologischer Lehrer und Schriftsteller um eine vollkommene reformatorische Durchgestaltung des gesamten Lebens bemüht. Sein immer wieder erweitertes Hauptwerk, die sogenannte „Institutio“, gilt als das bedeutendste dogmatische Werk der Reformationszeit. Von Genf aus wurde Calvin als Berater und Führer im Laufe der Jahre zum anerkannten Reformator weiter Teile Westeuropas (Frankreich, Schottland, Niederlande) und Osteuropas (Polen, Ungarn, Siebenbürgen).

Reformierte Kirche und lutherische Kirche

Im Unterschied, zum Teil auch im Gegensatz zur lutherischen Lehre vollzogen Calvin und seine Anhänger eine in manchem schärfere und auch in äußerlichen Dingen sichtbarere Ablehnung und Verwerfung des römischen Katholizismus mit seinem „leiblichen“ Abendmahlsverständnis und seiner Bilder- und Altarfülle. Die ursprünglich sehr einfach und völlig schmuck- und bilderlos gestaltete Französische Friedrichstadtkirche mit ihrem in katholischen und lutherischen Augen „fehlenden“ Altar ist ein in ihrer Schlichtheit „beredtes“ Zeugnis. Von dieser auch für den theologischen Laien im Unterschied zum Luthertum „sichtbareren“ Trennung vom Katholizismus rührt auch die Selbstbezeichnung der Anhänger der Lehren Calvins als der „nach Gottes Wort reformierten Kirche“ her.

Luther und seinen theologischen Weggefährten wurde von Calvin vorgehalten, die Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern zwar gewollt, aber nicht bis zum Ende durchgeführt zu haben. Vielmehr sei Luther auf halbem Wege stehen und stecken geblieben. So kam es im 16. Jahrhundert zur Ausprägung zweier getrennter evangelischer Konfessionen: der lutherischen auf der einen und der reformierten, auf Johannes Calvin zurückgehenden, auf der anderen Seite.

Der Begriff der „calvinistischen Kirche“ wird von den Reformierten als Selbstbezeichnung abgelehnt. Das liegt zum einen daran, dass es neben und auch vor Johannes Calvin andere, wichtige theologische Köpfe gab (zum Beispiel Huldrich Zwingli in Zürich, *1484, †1531), die die reformierte Theologie geprägt haben, aber auch daran, dass die reformierte Kirche, im Unterschied zur lutherischen, nicht den Namen eines Menschen tragen, sondern allein nach dem Vollzug des reformatorischen Prinzips als solchem – „Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern“ – benannt werden wollte.